Mahnmal Kirche St. Nikolai

Allgemeines

Die Ruine der Hauptkirche St. Nikolai am Hamburger Hopfenmarkt ist als Mahnmal St. Nikolai „den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945“ gewidmet. Von der 1195 gegründeten und in letzter Ausführung 1874 fertiggestellten neugotischen Kirche sind nach den Kriegszerstörungen von 1943 und dem weitgehenden Abriss im Jahre 1951 noch der 147 Meter hohe Turm, ein Teil der südlichen Außenmauer und die Wände des Chors erhalten. Für eine Gedenkstätte wurden auf dem offenen Platz des ehemaligen Kirchenraums sowie in der unmittelbaren Umgebung Kunstwerke und Denkmale aufgestellt. In den Kellerräumen der Ruine richtete der 1987 gegründete Förderkreis Rettet die Nikolaikirche e. V. ein Dokumentationszentrum mit einer Dauerausstellung ein. Seit 2005 führt ein gläserner Fahrstuhl im Turm zu einer Aussichtsplattform auf 76 Meter Höhe. Die Hauptkirche St. Nikolai wurde 1962 als Neubau in den Stadtteil Harvestehude an den Klosterstern verlegt.

 


Geschichte

Nach der Gründung einer weltlichen Neustadt im Jahr 1189 und der Anlage eines Hafens gegenüber der bischöflichen Altstadt genehmigte der Schauenburger Graf Adolf III. auf Wunsch der neuen Anwohner den Bau einer Kirche. Der Klerus des Hamburger Doms bestand jedoch darauf, dass nur ihm das Patronat zustand. Nach einigen strittigen Verhandlungen schenkte Adolf III. der Kirche ein Grundstück bei der zerstörten Neuen Burg, so dass 1195 mit dem Bau einer Kapelle begonnen werden konnte. Diese hatte einen Grundriss von 12 × 26 Metern, bot Platz für etwa 300 Personen und wurde dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Seefahrer und Reisenden, geweiht.

Zwischen 1240 und 1250 fand die erste Erweiterung statt, die Kapelle wurde als Chor eingefasst und eine dreischiffige, fast quadratische Halle von rund 22 Metern Höhe aus Backstein angebaut. Das Mittelschiff war nur unwesentlich breiter als die beiden Seitenschiffe, alle drei überwölbte man in gleicher Höhe, so dass auch ein dreiteiliges Dach entstand. Hohe schlanke Pfeiler, Spitzbögen und gegliederte, großflächige Fenster wiesen frühe Merkmale der Gotik auf, eine kunsthistorische Einordnung benennt die Bauweise als „Backsteinhallenkirchenbau hamburgischen Typs“. Die Kirche verfügte nun über Platz für 1000 Menschen. 1353 erhielt die Kirche einen Dachturm von knapp 60 Metern Höhe.

Eine zweite Erweiterung für nunmehr 1500 Personen erfolgte zwischen 1384 und 1400. Die Schiffe wurden verlängert und der Gesamtbau wurde etwas verbreitert. Bei einer dritten Erweiterung zwischen 1400 und 1425 erhielt der Chorraum eine neue Apsis sowie Anbauten zu beiden Seiten. Hinzu kamen ein Beinhaus zur Umbettung von Gebeinen des überfüllten Kirchhofs und der Stumpf für einen geplanten Turmbau. Der sechseckige Aufbau auf einem quadratischen Sockel wurde 1518 durch den Baumeister Hinrich Berndes (Barteldes) aus Hannover mit einem spitzen Turmhelm gekrönt. Berndes hatte von 1513 bis 1516 die alte Turmspitze der Petrikirche durch eine neue mit einer Höhe von 445 Hamburger Fuß (127,5 Metern) ersetzt. Der Nikolaiturm erreichte nun eine Höhe von 470 Hamburger Fuß (knapp 135 Meter). Bereits am 16. Juli 1589 wurde er durch einen Blitzschlag vollständig zerstört. Auch der zwischen 1591 und 1593 vom Baumeister Hans Petersen neu errichtete zweite Turm stürzte bereits 1644 nach einem Unwetter ein.

Ihren dritten Turm erhielt die Nikolaikirche 1657 nach den Plänen des Architekten Peter Marquardt aus Plauen. Das 122 Meter hohe Bauwerk bewirkte „eine barocke Uminterpretation“ des Erscheinungsbilds der Kirche und prägte mit drei übereinandergestellten Hauben und einer geschlossenen sowie einer offenen Laterne knapp 200 Jahre die Stadtsilhouette.

1665 erhielt die Kirche ein Glockenspiel mit 25 Glocken über zwei Oktaven, das Georg Philipp Telemann zu dem Konzertstück Hamburgische Glockenspiele inspirierte. Berühmt wurde zudem die 1687 fertiggestellte Orgel von Arp Schnitger, an der er fünf Jahre gebaut und alles berücksichtigt hatte, „was die damalige Technik an Vollkommenheit ermöglichte“. Es soll die damals größte Orgel im deutschsprachigen Raum, wenn nicht weltweit gewesen sein. Das Instrument verfügte über 67 Register, vier Manuale, Pedal und über 4.000 Pfeifen. Die größte Pfeife im Pedalturm war das 32-füßige C mit einem Gewicht von 860 Pfund.

Am 6. August 1767 wurde der Turm erneut durch einen Blitzschlag schwer beschädigt. Dieses Ereignis veranlasste den Naturwissenschaftler Johann Albert Heinrich Reimarus zu einer Abhandlung über Blitzableiter. Tatsächlich folgte der Gemeinderat der Mahnung, einen solchen einzubauen, doch 1801 richtete ein Blitz abermals erheblichen Schaden an.

Am 5. Mai 1842, dem ersten Tag des dreitägigen Großen Brands, fiel St. Nikolai als die erste der Hamburger Kirchen und Großgebäude dem Feuer zum Opfer. Der Hauptgottesdienst am Morgen hatte noch abgehalten werden können, der Mittagsgottesdienst wurde nach einer Fürbitte für den Erhalt der Kirche abgebrochen. Um etwa vier Uhr nachmittags ergriff das Feuer den Turm. Es gelang aufgrund der unzulänglichen Löschtechnik nicht, Wasser in ausreichender Menge hinauf zu befördern. Schließlich stürzte er ein und übertrug die Flammen auf das Kirchenschiff, das vollständig niederbrannte. Nur wenige Kunstwerke waren zuvor aus dem Gebäude gerettet worden.

 


Neubau nach dem Großen Brand

Nach dem Brand kam es zwischen Pastoren, Architekten und Ratsmitgliedern zu einem Disput um den Wiederaufbau der Kirche, der letztlich durch den Rat mit Beschluss, die Ruinen abzutragen und die Kirche neu aufzubauen, entschieden wurde. Mit den Abbrucharbeiten wurde am 1. Juni 1843 begonnen, sie zogen sich bis in das Jahr 1844 hin. Zudem beschloss die eingerichtete Technische Kommission, die neue Kirche um gut 50 Meter südöstlich zu verschieben, so dass sie vom Alsterarm, dem heutigen Nikolaifleet, halbkreisförmig umrahmt werde. 1844 schrieb die Kirchenbaukommission einen öffentlichen Wettbewerb aus, den der in Altona geborene Architekt Gottfried Semper mit dem Entwurf eines romanischen Kuppelbaus gewann.

Doch holte der Kirchenvorstand weitere Gutachten ein, die durch den Weiterbau des mittelalterlichen Kölner Doms jeweils beeinflusst waren von einer neuen Wertschätzung des gotischen Baustils. Hintergrund war das Anwachsen einer hamburgischen Erweckungsbewegung, die in einer romantisch-mittelalterlichen Kathedrale den künstlerischen Ausdruck einer neuen Frömmigkeit sah. Schließlich entschied man sich zur Umsetzung des auf den dritten Platz gewählten Plans des Londoner Architekten George Gilbert Scott, der sich in England bereits einen Namen bei der Restaurierung mittelalterlicher Kirchen erworben hatte und als Kenner und Verfechter des gotischen Baustils galt. Die erheblich höheren Kosten - sie beliefen sich auf das Dreifache des Semperschen Entwurfs - sollten durch eine sogenannte Schilling-Sammlung hereingebracht werden, bei der durch engagierte Bürger Spenden für das Bauvorhaben gesammelt wurden.

Die Grundsteinlegung fand am 24. September 1846 statt. 17 Jahre später, am 24. September 1863, waren die Arbeiten soweit abgeschlossen, dass die Kirche eingeweiht werden konnte. Der Bau des 147,3 Meter hohen Turms wurde 1874 beendet. Damit war die Nikolaikirche bis zur Vollendung der Kathedrale von Rouen im Jahre 1877 das höchste Bauwerk der Welt. Nach dem Fernsehturm ist der Nikolaiturm noch heute das zweithöchste Gebäude Hamburgs und im Übrigen der fünfthöchste Kirchenbau der Erde.


Zerstörung 1943 / Nachkriegszeit

Bei den Luftangriffen auf Hamburg während des Zweiten Weltkriegs diente der Turm der Nikolaikirche als Zielmarkierung der britischen und amerikanischen Luftstreitkräfte. Am 28. Juli 1943 wurde die Kirche durch Fliegerbomben im Rahmen der „Operation Gomorrha“ schwer beschädigt. Das Dach stürzte ein und verwüstete den Innenraum. Die Wände bekamen Risse, blieben aber weitgehend stehen, ebenso der Turm. Die Einschläge der Bombensplitter sind noch heute zu erkennen.

Nach dem Krieg beschloss der Hamburger Senat, die Kirche nicht wieder aufzubauen. Da sich im Zuge der Stadtentwicklung die Wohnbevölkerung in der Hamburger Innenstadt und damit auch der Besucher der vier altstädtischen Hauptkirchen erheblich verringert hatte, führte dies zu einer Verlegung der Kirchengemeinde St. Nikolai nach Harvestehude. Ab 1956 konnte diese zunächst einen Konzertsaal am Harvestehuder Weg nutzten, 1962 wurde die neue Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern, ein Rundbau mit freistehendem Glockenturm der Architekten Gerhard und Dieter Langmaack, eingeweiht.

Bruchstücke von Altar und Kanzel, die in den Trümmern leicht gefunden werden konnten, wurden - neben einer Sammlung im Dokumentationszentrum - in der Vorhalle von St. Nikolai am Klosterstern ausgestellt, die Altarplatte ruht auf Säulentrümmern der alten Kirche. Ein 1939 fertiggestelltes Fenster der Künstlerin Elisabeth Coesner, vorgesehen für das nördliche Querschiff der alten Nikolaikirche, war wegen des beginnenden Krieges dort nicht mehr eingebaut, sondern im Keller von St. Michaelis eingelagert worden, wo es die Bombardierungen überstanden hatte; beim Neubau der St. Nikolaikirche am Klosterstern wurde die Eingangshalle mit diesem Werk gestaltet.


Dokumentationszentrum

In den erhaltenen Kellerräumen befindet sich das von dem Förderkreis Rettet die Nikolaikirche betriebene Dokumentationszentrum. Der Eingang über den ehemaligen Altarraum ist seit 1998 durch eine Glaspyramide geschützt. In einer ständigen Ausstellung auf eine Fläche von etwa 300 Quadratmetern werden die Bombenangriffen auf Hamburg, insbesondere die Operation Gomorrha, und deren Folgen anhand von Bildern, Karten und Filmdokumentationen dargestellt. Ein Teil der Ausstellung widmet sich zudem der Bombardierung Warschaus im September 1939 und der Zerstörung der Kathedrale von Coventry in England am 14./15. November 1940 durch die deutsche Luftwaffe. Eine weitere Abteilung zeigt die Geschichte der Kirche St. Nikolai mit einigen der wenigen Exponaten, die nach der Zerstörung gerettet wurden.

  

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Skulpturen

      


Weinkeller

Eine Besonderheit ist das im erhalten gebliebenen Kreuzgewölbe des Kellers seit 1886 bestehende Weinlager. Nachdem 1885 die großen Öfen der Kirche durch ein Heizungssystem ersetzt worden waren, konnten die zur Kohlenlagerung genutzten Flächen für eine Zusatzfinanzierung frei gemacht und an mehrere alteingesessene hamburgische Weinhandlungen vermietet werden. 1926 pachtete die Firma C.C.F. Fischer-Wein die Räumlichkeiten und nutzte sie zur Fass- und Flaschenlagerung von Wein, aber auch Cognac, Sherry und Madeira. Durch eine ganzjährige Temperatur von 12 bis 14 Grad bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit erwiesen sich die Bedingungen für diesen Zweck als ideal. Bis zu 650.000 Flaschen sollen hier zeitweise auf einer Fläche von 13.000 Quadratmetern untergebracht gewesen sein. Das Kellergewölbe überstand die Kriegszerstörungen der Kirche unbeschadet. Während der Sprengungen 1951 entschieden die Eigentümer, den Wein aufgrund der möglichen Qualitätsverluste nicht fortzutransportieren. Die Decke hielt die Belastung zunächst auch aus, allerdings verschüttete nach einem Jahr etwa ein Drittel des Kellers. Die Schäden konnten bis 1954 beseitigt werden, der Eingang wurde von der ehemaligen Adresse Hahntrapp an der Nordseite unterhalb des ehemaligen Südportals, heute Willy-Brandt-Straße, verlegt. In den 1980er Jahren machte C.C.F. Fischer-Wein die Kellergewölbe für die Öffentlichkeit zugänglich, als Hamburgs weltoffener Weinkeller unter St. Nikolai betrieb die Firma neben dem Lager ein kleines Weinmuseum mit Exponaten der Weinherstellung, eine Probierstube in der ehemaligen Gebeinkammer und einen Flaschenverkauf. Im Jahr 2005 meldete die Weinhandlung die Insolvenz an, der Keller ist seitdem geschlossen, beherbergt aber nach wie vor einen großen Teil der Einrichtung und der Waren.

  

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Links

www.mahnmal-st-nikolai.de

Webseite des Förderkreises zur Rettung der St. Nikolai Kirche

www.bildarchiv-hamburg.de/hamburg/kirchen/nikolai

Historische und aktuelle Fotos und Zeichnungen


Fotos: JHreisen / Texte: JHreisen - Wikipedia / Daten, Links ohne Gewähr (03.2014)